Olivia Larsen
Masterarbeit Sommersemester 2024
LOCUS SANITATEM
Eine Betrachtung der architektonischen Lesart der fragilen Lunge
Der Einfluss der Tuberkulose auf den architektonischen Diskurs des beginnenden 20. Jahrhunderts zeigt, wie eng medizinische Bedürfnisse und architektonische Lösungen miteinander verknüpft sind und von welcher Bedeutung diese Verbindung für die Reaktion auf heutige gesellschaftspolitische Herausforderungen ist. Die historischen Konzepte und architektonischen Paradigmen bieten dabei wertvolle Grundlagen, um zeitgemäße Gestaltungsprinzipien zu entwickeln. Die Bedeutung von Tageslicht, Luftqualität und hygienischen Materialien wurde bereits in den Anfängen der Sanatoriums-Bewegung erkannt und markiert bis heute den Ausgangspunkt für die Ausbildung der medizinischen Architekturentwicklung. Die avantgardistische Architektur der Lungenheilstätten entbehrte zwar jeglicher wissenschaftlicher Grundlage, fand jedoch mit der Weiterentwicklung der Medizinforschung über 100 Jahre später durchaus seine Daseinsberechtigung. Die architektonischen Leitlinien Licht, Luft, Sonne bilden weiterhin die Basis für den Umgang mit der Frage nach einem Ort für lungenkranke Patient:innen. Die Umdeutung des Verständnisses von Gesundheit und Krankheit bedingt automatisch eine Anpassung der Lesart und Interpretation von Architektur. Abweichend von einer heilenden Architektur geht es um die Bereitstellung von Innen- und Außenräumen, die die Patient:innen in ihrem Prozess im Umgang mit der Krankheit bestmöglich begleiten. Dementsprechend entstehen aus den Erkenntnissen der Untersuchung der historischen architektonischen Gestaltungsprinzipien und der Bewertung der Funktionalität dieser Maßgaben neue Grundordnungen, die als Grundlage in einem allgemeingültigen Schema je nach Anwendungsfall individuelle Gültigkeiten erhalten. Dadurch entsteht die Möglichkeit einer Umdeutung und damit einhergehend einer gesellschaftlichen Integration von Krankheit, die durch eine neue Denkart über das Verhältnis zwischen Innen und Außen definiert wird. Eine ganzheitliche Hei- lungsperspektive kann unter der Berücksichtigung des aktuellen medizinischen Forschungsgegenstands in ein architektonisches Konzept überführt werden.
